… aus dem Leben einer Fairy

Ansichtssache

„Er muss operiert werden. Weißt du, das ist besonders schlimm weil er ja noch nie wirklich krank war…“
Ich nicke wie ein Wackeldackel, friere meinen verständnisvollen Blick ein und sage „Ja, das kann ich gut verstehen…“

Ich frage mich, ob ich das denn eigentlich wirklich verstehe. Und warum es die Tatsache, dass jemand bisher so verdammtes Glück in seinem Leben hatte, über 60 Jahre alt zu werden ohne ernsthaft krank zu sein, schlimmer macht. Sollten denn lieber die Leute, die ohnehin öfter krank sind weitere Operationen durchleiden müssen? Ist es für die denn weniger schlimm? Weil man ja quasi schon „operationserfahren“ ist?

Das ist ja als würde ich sagen „Ich habe doch immer Glück, warum muss ich jetzt im letzten Drittel meines Lebens einmal Pech haben? Sollen doch die Pech haben, die ihr ganzes Leben lang Pech hatten. Die sind das wenigstens gewöhnt.“

Ist es denn nicht eher ein Grund für Dankbarkeit, dass man bisher so lange gesund war?

Vielleicht hat mich das nur so stutzig gemacht, weil ich von Kind an gefühlt ständig operiert wurde. Von der Polypenoperation mit fünf Jahren (bei der OP wurde übrigens ein Tupfer auf meiner Luftröhre vergessen, der vereiterte und an dem ich beinahe gestorben wäre, weil mir zunächst niemand glaubte, dass sich da irgendwas komisch anfühlt beim Atmen) über den Blinddarm mit acht Jahren, bis hin zu dem Hundebiss mit zehn, der in GranCanaria genäht werden musste weil mir das Vieh den halben Arm abgebissen hatte am ersten Urlaubstag. Dann mit 12 die Entfernung eines Knochens in meiner Nase, der dort nicht hingehörte und der mir eine Nasenatmung unmöglich machte. Ich war über zwei Jahre bei fünf verschiedenen Orthopäden bis zur Diagnosestellung der Patellaluxationen, die ich mir laut vier dieser Ärzte angeblich nur eingebildet hätte. Darauf folgten fünf verschieden schwere Knieoperationen, zuletzt die OP 2010, nach der ich immernoch nicht richtig laufen kann. Irgendwann wurden meine Weisheitszähne operativ entfernt und vor ziemlich genau zwei Jahren dann noch der Kaiserschnitt.
Ich weiß, es gibt Menschen, die noch viel häufigere und schwerwiegendere Operationen erleiden mussten und müssen. Vor denen habe ich einen riesigen Respekt. Die bewundere ich für ihre Stärke und ihren Lebenswillen, denn ich weiß wieviel davon man schon allein braucht um die Dysfunktion einzelner Körperteile zu ertragen.

Ich kann dennoch nicht von mir behaupten, dass ich mich an Operationen in irgendeiner Weise „gewöhnt“ hätte. Es ist schrecklich. Ich hasse es. Zu wissen was auf mich zukommt ist in diesem Fall nicht hilfreich. Im Gegenteil. Ich weiß wovor ich Angst habe. Ich kenne die Schmerzen. Ich kenne das Prozedere und ich hasse es. Ich hasse Krankenhäuser. Ich hasse Ärzte. Ich hasse Narkose. Ich hasse, hasse, hasse es.

Und ich sehe in meiner Erfahrung keinen Vorteil. Und ich verstehe einfach nicht, warum es für jemanden, der bis ins hohe Alter unversehrt bleiben durfte, schlimmer sein soll operiert zu werden als für mich. Ich persönlich würde all die schlimmen Erlebnisse meiner Kindheit und Jugend eintauschen gegen eine OP im Alter. Sofort.

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Kommentare zu: "Ansichtssache" (6)

  1. Kann ich total nachvollziehen, und verstehe ich auch nicht. Ich glaube aber ehrlichgesagt, das war nur so doof dahingesagt, ohne, dass die Person groß drüber nachgedacht hat. Ist nur ein Gefühl, aber irgendwie kommt es mir so vor.

    Aber mal im Ernst: Du hast ja echt die A…karte gezogen, OP-technisch. Ich meine, das Knie alleine reicht ja schon, aber Du hast ja auch bei allem möglich Anderen „hier“-geschrieen. Oh Mann…

    Ich drück mal die Daumen, dass es das jetzt erstmal war mit dem Operieren. Ich hatte ja auch schon etliche Operationen – aber eben auf der „anderen Seite“😉 Und nein – sowas ist nie ein Spaß.

    • Danke! Das hoffe ich auch…langt jetzt!
      Ja, das denke ich auch,sie hat es bestimmt einfach nur aus Hilflosigkeit gesagt,weil sie halt irgendwas sagen wollte. Aber es kam bei mir halt einfach irgendwie nicht gut an😉.

  2. Ich denke, dass das anders gemeint ist.

    Fast alle Menschen hatten früher oder später OPs – Mandeln waren ja mal DAS grosse Ding und so haben fast alle ihre Erfahrungen mit ihren Ängsten relativ früh gemacht. Wenn man nun nach 60 Jahren zum ersten Mal operiert werden muss, stellen sich das wohl Viele (vielleicht eher Angehörige, Freunde etc. als der/die Betroffene selbst) sich das besonders schlimm vor, etwa so wie wenn man im Alter erst die Windpocken kriegt und/oder es ist einfach Ausdruck der eigenen Angst.

  3. Das ist ja schrecklich, was du bis zum heutigen Tag alles durchstehen musstest! Kann ich mir nicht einmal vorstellen, wie das sein könnte. Ich hatte bis heute immer mehr oder weniger Glück und konnte operationsfrei wieder irgendwie geflickt werden (zweimal Arm und Handgelenk gebrochen, einmal Platzwunde am Kopf).
    Ich schliesse mich den beiden Kommentaren an, denn das hat nichts mit Erfahrung zu tun..

  4. So ein Verhalten finde ich besonders bei Prominenten irritierend. Da wird im Internet ein Riesen-Bohei gemacht, wenn einer krank wird oder sogar stirbt..Vielleicht liegt es daran, dass man als „Gesunder“ in dem Moment mit seinen eigenen Ängsten konfrontiert wird und einem bewusst wird, dass es einen ja auch selbst treffen könnte.

    Ich kann mir gut vorstellen, was in dem Moment in Dir vorging. Und ich ziehe den Hut vor Dir, wie Du alles gemeistert hast und Dich trotzdem nicht unterkriegen lässt. Fühl Dich mal umarmt.🙂

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