… aus dem Leben einer Fairy

Gedankengänge

Gestern hat sich ein Nachbar aus unserem Haus in unserem Gemeinschaftskeller aufgehängt. Er war wohl schon lange schwer depressiv.

Ehrlich gesagt kannte ich ihn nicht gut. Ich wusste nichts von seiner Depression, er wohnte zwei Stockwerke über uns, war häufig verreist und er und seine Frau haben immer recht freundlich gegrüßt. Das ist eigentlich alles was ich von diesen Nachbarn weiß.

Und dennoch macht es mir zu schaffen. Ich denke es hat unter anderem damit zu tun, dass wir das Geschehen über den kompletten Nachmittag verfolgt haben. Wir wohnen im EG und die Polizei, Krankenwagen, Notarzt, dann der Dauerkriminaldienst und am Ende der Leichenwagen haben alle vor unserem Fenster geparkt…

Außerdem hat sich eine wichtige Person aus meinem Leben letzten Herbst auf die gleiche Art suizidiert. Das ist für mich gerade ein Stück weit retraumatisierend (auch wenn ich nicht unter PTBS Symptomen leide erinnert es mich einfach furchtbar an den Tod dieses Freundes).

Die Witwe tut mir schrecklich leid. Zuerst lebt sie jahrelang mit einem depressiven Mann, kämpft einen (zuletzt aussichtslosen) Kampf und dann verliert sie ihn komplett (wobei man Depressive emotional schon viel früher verliert, da ist die Bindungsforschung sehr deutlich).

Ich kenne selbst Phasen im Leben in denen der Lebenswille bestenfalls latent vorhanden ist. Bei mir war und ist das im Zusammenhang mit der letzten schweren KnieOP Thema, wobei ich auch nie ganz die Hoffnung verliere, irgendwann wenigstens einigermaßen laufen zu können. Und dann ist da natürlich noch mein Liebster und das Fairykind, die ich niemals so im Stich lassen könnte. Wenn man diese protektiven Faktoren nicht hat (das Paar war meines Wissens nach kinderlos) oder nicht mehr sehen kann weil man in der Depressionsspirale zu weit unten angekommen ist, das Stelle ich mir schrecklich vor. Dieses Gefühl, dass alles sinnlos ist, dass man nur noch Last ist, dass es niemals wieder besser werden wird (negative Trias) – ich hoffe ich werde es nie erleben und ich wünsche das auch keinem. Dem Mann muss es wirklich sehr schlecht gegangen sein und ich finde es traurig, dass nicht jedem Patienten geholfen werden kann.

Dann kommt da noch dieser schreckliche egoistische Wutgedanke („Warum verdammt nochmal in unserem Keller?“). Als ich vorhin zur Garage bin hatte ich ein sehr flaues Gefühl im Magen. Ich bin bei sowas einfach sehr empfindlich. Vielleicht muss ich den Keller ausräuchern oder sowas. Ja ich weiß, das klingt verrückt aber ich finde räuchern ist immer auch eine Art spiritueller Reinigung und manchmal gibt einem das einfach ein besseres Gefühl. Ich finde es ja schon schlimm genug, dass die Sternsinger hier noch nie was über die Tür geschrieben haben.

Im Ernst jetzt, kann sich vielleicht bitte die nächste Zeit keiner mehr umbringen? Ich weiß, jeder hat ein Recht auf Selbstbestimmung. Aber meine Nerven und meine Stimmung wären sehr dankbar.

Kommentare zu: "Gedankengänge" (2)

  1. Bluhnah schrieb:

    oh Schreck, wem würde das nicht nahegehen…😦

  2. Puh. Ich bin ja nicht sehr empfindlich, aber ich weiß auch nicht, ob ich es so angenehm fände, wenn sich in unserem Keller jemand umbringen würde…

    Echte, schwere Depressionen sind schlimm. Ich will sowas niemals erleben müssen.

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