… aus dem Leben einer Fairy

In der Schwangerschaft habe ich irgendwann alle möglichen Babynewsletter abonniert (ja, mir war langweilig, und zu meiner Schande muss ich gestehen: ich LIEBE Werbegeschenke! Wenn ich ein halbwegs brauchbares Werbegeschenk bekomme ist das für mich wie ein Sechser – naja, gut, eher ein Dreier – im Lotto.).

Heute bekam ich dann mal wieder einen meiner unzähligen Newsletter (die ich mittlerweile verzweifelt versuche abzubestellen…) und las sowas wie „Erfassen Sie die Fortschritte Ihres Babies auf unserer Webseite und vergleichen Sie sie mit den Fortschritten anderer Babies.“ Da haben sich mir die Nackenhaare gesträubt. Diese Werbung hat mich wirklich nachdenklich gemacht.

Zunächst mal: klar! Wir leben in einer Gesellschaft, in der ALLES mit ALLEM verglichen wird und in der man sich so perfekt unzufrieden und unglücklich machen kann, indem man die dickeren Kartoffeln des Nachbarn nicht bewundert sondern beneidet. In einer Welt, in der seltsame Agenturen ganze Länder als „Ramsch“ bewerten. Leistung und Leistungsdruck sind aus dieser Welt nicht wegzudenken und es fängt immer früher an.

Ich fragte mich: Wie kann ich mein Kind davor schützen? Kann und will ich es jeglichem Wettbewerb entziehen? Geht das?
Auf Dauer vermutlich nicht. Früher oder später wird auch meine Maus sich mit anderen vergleichen (müssen) und (ein bisschen) Ehrgeiz ist sicher auch gut und nützlich um voranzukommen. Aber wo liegt da das gesunde Mittelmaß zwischen zu viel und zu wenig?

Früher habe ich mir darüber absolut keine Gedanken gemacht. Für mich war klar: entweder man macht etwas perfekt oder man lässt es. Ich habe nie die Kinder verstanden, die für irgendetwas nicht gelernt haben, keine Hausaufgaben gemacht haben oder die richtig schlechte Noten (also schlechter als eine Zwei) geschrieben haben. Man übernimmt diesbezüglich eben zunächst ungefiltert die Sicht der Eltern. Wenn ich mit einer Zwei nach Hause kam, hieß es „Was ist denn da schief gelaufen? Warum ist es keine Eins? Was hat denn eigentlich die (beliebigen Namen der Klassenbesten oder der besten Freundin einsetzen)?“
Und ich hielt das für absolut normal. Auch in Spielen musste man siegreich sein, sonst war das Spiel (egal ob Schach oder Tennis) umsonst.

Diese Einstellung hat mich einerseits dazu gebracht, ein sehr gutes Abitur zu absolvieren, das mir jedes gewünschte Studium ermöglicht hat. Es hat mich dazu gebracht, immer so viel zu lernen wie ich konnte. Andererseits hat es mir bei Klassenkameraden einen „Streberstatus“ eingebracht und mir jegliche Freude am Spielen genommen. Ich HASSE Spiele. Vor allem wenn ich verliere. Ich HASSE Prüfungen. Vor allem wenn ich nicht die Bestnote erreiche. NIEMALS werde ich mit einer Zwei zufrieden sein. Ich kann mir zwar einreden, dass das eine gute Note ist, aber mein Überich glaubt mir keine Sekunde. Es ist nicht so, dass ich anderen ihre Erfolge nicht gönne. Ich ärgere mich nur über mein eigenes „Versagen“. Ganz ehrlich? Das Leben mit dieser Einstellung ist so verdammt anstrengend!

Ich persönlich habe irgendwann diesen zielstrebigen Überich-Weg mit Jurastudium und „Elite“bekanntschaften verlassen und mir einen sehr viel holprigeren aber passenderen ICH-Weg gesucht. Es fällt mir ab und zu immer noch schwer (ein Tiger verliert nie ganz die Streifen) aber ich habe für mich einen ganz passablen Mittelweg gefunden. Denke ich.

Ich habe auf meinem Weg viele Menschen näher und anders kennengelernt, als die Außenwelt sie normalerweise wahrnimmt. Und ich habe verstanden, dass viele „erfolgreiche“ Menschen unheimlich krank und traurig sind. Dass sie häufig von gestörten Eltern als Selbstobjekt missbraucht wurden. Dass ganz häufig eine Double-bind Kommunikation dem Kind suggeriert, dass es alles richtig machen muss um geliebt zu werden. Das macht ehrgeizig. Und krank.

Andererseits will man/ich natürlich auch nicht, dass das eigene Kind völlig ohne Ehrgeiz aufwächst und lebt. Dass ihm alles egal ist. Dass es als Berufswunsch sowas wie „Och, Hartz 4 ist ganz ok“ angibt. Ich würde mein Kind selbstverständlich niemals zu einem bestimmten Schulabschluss oder gar zu einem Studium drängen. Aber ganz ehrlich? So unter uns? Klar wäre ich enttäuscht, wenn es nach dem Hauptschulabschluss aufhört und lieber bei einer Fastfoodkette Brötchen verkauft. Klar werde ich bei einer versemmelten (ab Vier?!?) Klausur irgendwie enttäuscht sein. Und ein bisschen Ehrgeiz ist doch auch normal. Oder? ODER?

Ich persönlich habe mir vorgenommen, mein Baby nicht zu viel zu fördern und zu fordern. Ihr die Möglichkeit zu geben selbst zu entdecken, dass gewinnen Spaß macht (und dass verlieren nicht so viel Spaß macht, aber nicht schlimm ist!), dass gute Noten schön aber nicht notwendig sind, dass man auf eigene Leistung stolz sein darf (und bei nicht so guter Leistung nicht verachtet wird).
Und dass ich IMMER stolz auf sie sein werde. Egal was sie macht oder wie sie es macht.

Das wünsche ich mir für mein Kind.

Und ich schreibe es auf, um mich in X Jahren bei meiner ersten irrationalen „Überich-Reaktion“ daran zu erinnern.

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Kommentare zu: "Leisten und Leisten lassen" (15)

  1. Dieses Vegrleichen halte ich auch für höchst gefährlich. Man nimmt einem Kind die Chance, sich seinen Eigenschaften und seinem Charakter entsprechend zu entwickeln. Arbeitet man als Eltern dagegen, birgt es die Gefahr, dass es eines Tages einen bestimmten Finger hebt und „Ihr könnt mich mal!“ sagt.
    Dann kommt meist der Spruch, den ich so gar nicht leiden kann: „Aber ich hab’s doch nur gut gemeint.“ Im schlimmsten Fall ist von einem undankbaren Kind die Rede.
    Ich denke, Du bist auf einem guten Weg. 🙂

  2. mein Lebensgefährte ist Opa, die kleine ist 8 Monate und schon „so weit vor“!
    *augenverdreh*…

    • Ja, und die sind auch alle „hoch begabt“ und so *kopfschüttel*.

      Man muss denke ich irgendwo dem übertriebenen Elternstolz oder Ehrgeiz einen Riegel vorschieben – aber ganz ehrlich – ich kann mir schon vorstellen, dass es echt verführerisch ist. Das eigene Kind ist einfach das beste (süßeste, schlauste etc.), teilweise hat das die Natur sicher so eingerichtet um die kleinen Wesen zu schützen.

  3. Das eigene Baby IST das süßeste. Ganz klar 😀 Ob er später allerdings einen Nobelpreis gewinnt – ist mir ziemlich egal. Klar, Du sagtest es schon, ich will natürlich auch, dass er nicht arbeitslos auf der Strasse endet, aber diesen übertriebenen Elternehrgeiz finde ich ganz schrecklich.
    Ich glaube aber, ich schrub bei mir auch schon davon.
    Ich werd’s wohl auch so halten (es versuchen), dass ich NICHT schon jetzt mit irgendwelchem Frühförderungsscheiß und Vergleichen anfange. Erst mal Baby und Kind sein lassen 😉

  4. Diese ganze Vergleicherei ist doch total doof! Gerade bei Babies. Ob ein Kind ein bißchen früher laufen oder sprechen kann, hat doch nichts damit zu tun, wie es sich später entwickelt, oder wie gewitzt es ist.

    Meine Eltern waren immer auf meiner Seite. Über die guten Noten haben sie sich natürlich gefreut, aber auch eine 3 oder 4 war kein Beinbruch. Da haben wir dann zusammen für die nächste Klassenarbeit gelernt. 🙂

    Du wirst das schon gut machen!

    Liebe Grüße
    Schlörte

  5. Tolle Einstellung, wir haben es genauso gehandhabt, unsere Tochter dankt es uns

  6. „die richtig schlechte Noten (also schlechter als eine Zwei)“ :-O

    *pfeif*
    Ich gehe dann mal wieder… 😀

    Ach so: Meine Eltern haben mir unfassbar viel Freiraum gelassen. Ich hatte nie bewusst das Gefühl, erzogen zu werden und trotzdem bin ich sehr ehrgeizig und erfolgreich geworden.
    Man muß den Kids einfach nur ein gutes Vorbild sein, den Rest erledigen ´eh die Gene. Wenn du ihm/ihr die Bereitschaft zum Risiko vererbt hast, wird er/sie früher oder später herausfinden wollen, wie es ist, einen Lolli zu stehlen. Da machste nix. 😀

  7. Och, das mit dem Vergleichen wirste nie abstellen können. Wir haben drei Monster im Abstand von 16 und 26 Monaten (Also ziemlich dicht, und wenn der mittlere im August 3 wird, wie alt sind dann die anderen beiden? 🙂 )

    Und wir vergleichen. Tagtäglich. Hat No.1 das nicht mit x Monaten gekonnt. Wow. No.3 hat jetzt schon so viele Zähne. Dafür hat No.2 erst mit y Monaten angefangen zu reden.

    Dreimal die gleichen Gene und drei komplett unterschiedliche Menschen…

    Und fördern? Das sieht bei uns so aus, dass wir den Monstern Sachen anbieten und sie machen lassen und unterstützen solang es ihnen Spaß und Freude macht.

    Aber es nicht den Alltag bestimmt. Nicht Montags dies, Dienstags das, Mittwochs da hin und Donnerstags zur Oma… nenenene. Kind sein. Spielen. Toben. Aua. Dreckig sein.

    Auch ein Grund, warum ich mir jetzt schon um Themen in 6 Jahren Gedanken machen. Sollte es dann noch das G8 gegeben und die Erfahrungen anderer Eltern so düster sein (Kein Zeit mehr zum Kind sein) wie bisher, wird es erst die Realschule und DANN schauen wir weiter. Einen Weg den ich gehen durfte. Dann Ausbildung, dann Lust auf Studium und dann weiter…

    Und jetzt pennt einer und zwei spielen zusammen unter Tisch….

    • Das klingt wirklich gut und „normal“.
      Drei Monster – wow, Respekt! Mir reicht das Eine völlig, auch wenn es zuckersüß ist 🙂

      Meine Mini Miss Fairytalez macht auch gerade ein Nickerchen, heute morgen musste sie ja die faulen Eltern auf Trab halten, da braucht man schon mal eine Pause 😉

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